Gemeinschaft der Schwestern Jesu

„Ihr aber gehört Christus“

Gespräch mit P. Kunert SJ

DIE GEMEINSCHAFT IST AUS DEN EXERZITIEN HERAUS GEWACHSEN

Unlängst feierte die Gemeinschaft der Schwestern Jesu den dreißigsten Jahrestag ihrer Gründung. Wir haben diese Gelegenheit benützt und den tschechischen Jesuiten Robert Kunert, den Gründer und langjährigen geistlichen Führer dieser jungen Ordensgemeinschaft, um ein Gespräch gebeten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls Sie im Jahr 1957 geheim in den Jesuitenorden eingetreten sind, wie hat das Ihr Leben verändert?

Das war zu der Zeit, als die Kirche eine große Verfolgung und Unterdrückung erlebte, und so geschah mein Eintritt geheim. Nur drei oder vier Jesuiten wussten davon, von den anderen Leuten niemand. Meine Mutter zB erfuhr davon erst nach meiner Flucht nach Österreich. Mein Novizenmeister P. Kučera legte mir ans Herz, dass ich mein Leben nach außen keineswegs ändere. Weil ich eine Menge verschiedener Interessen hatte (Musik, Philatelie, Esperanto, Speedwayrennen…), setzte ich darin weiter fort, auch wenn mit weniger Intensität. Innerlich begann ich mich aber mit großem Appetit nach den Ratschlägen meines Novizenmeisters und P. Sukops umzustellen. Ich hatte mit ihnen während meines Noviziates etwa acht Mal Kontakt. Alles musste geheim gehalten sein. Überdies gewann ich einen neuen Freund in der Person von Josef Jakubec, der auch ein junger Jesuit war. Mit ihm verbachte ich dann die Sonntage. Auch wenn es eine ungünstige Zeit für die Entfaltung der Berufung war, lehrte sie mich wertvolle Dinge, z.B. Gott in allen Dingen zu begegnen, so wie es der hl. Ignatius zeigt. Ich nahm alles ernst. Ich beschäftigte mich nur mit den wesentlichen Dingen, den Rest lehrte mich das Leben selber.

Die ersten Gelübde haben Sie im Jahr 1962 in Ostböhmen abgelegt, und fünf Jahre danach sind Sie nach Österreich emigriert. Wie ist es dazu gekommen, und was hat Sie zu dieser grundsätzlichen Entscheidung geführt?

Mein Noviziat dauerte schließlich fünf Jahre. Kurz bevor ich am 1. November 1959 die Gelübde ablegen sollte, wurden die Jesuitenpatres aus Králíky eingesperrt, und mit ihnen wurde ein großer Monsterprozess vorbereitet. Ich lebte damals in großer Unsicherheit. Erst im Jänner 1960 erfuhr ich, was geschehen war. Die Vorsehung Gottes führte mich aber auch in der weiteren Zeit meines nicht einfachen Wartens. Im Mai 1962 begegnete ich in Dobruška bei einer Militärübung „zufällig“ P. Slavík SJ. Dieser sollte mich nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis ausfindig machen und feststellen, wie es mit mir steht. So wurde P. Slavík mein weiterer Begleiter und zugleich mein Lehrer der Theologie. Diese geheimen Studien waren für mich aber zu langwierig. Ich war doch schon 34 Jahre alt. Lange bat ich ihn, ins Ausland „verschwinden“ und ordentlich studieren zu können. Ich wollte schon endlich Priester sein! Nach langem Überreden willigte er ein. Ich solle aber hundertprozentig sicher sein, dass sie mich nicht erwischen… Ich nahm Kontakt mit meinen Freunden in Deutschland auf, und mit ihrer Hilfe kam ich im Juli 1967 nach Wien. Ich reiste legal nach Bulgarien, in Belgrad stieg ich allerdings aus dem Zug aus und nahm ohne Erlaubnis die entgegengesetzte Richtung in den Westen, bis nach Laibach. In der Nacht zum Fest des hl. Ignatius ging ich auf einem dramatischen, halsbrecherischen Weg über die Karawanken nach Österreich. Ich war in der Freiheit.

Übrigens, wie haben die österreichischen Jesuiten Sie aufgenommen? Waren sie nicht misstrauisch? Womit ist es Ihnen gelungen, sie zu überzeugen, dass Sie nicht irgendein Schwindler sind, sondern ein Ordensmitbruder?

Na sicher. Es hat ziemlich lange gedauert. Noch zwei Jahre später vertraute mir ein Mitbruder an, dass sie mir nicht geglaubt hatten. Sie hatten einfach Angst, dass ich ein Spion aus dem Osten bin. Sie hatten überhaupt keine Ahnung davon, wie es bei uns geht, wie fest der Eiserne Vorhang ist. Ihre Reserviertheit war für mich ziemlich schmerzlich. Wenn man dem noch die Entwurzelung von zu Hause und den Status des Flüchtlings hinzufügt, war es am Anfang nicht gerade einfach. Mir war aber klar, was ich will. Für mein erhabenes Ziel – das Priestertum – vermochte ich viel zu opfern.

Theologie haben Sie dann in Innsbruck studiert und dort auch die Weihe empfangen. Als Sie Priester wurden, haben Sie nicht daran gedacht, in die Tschechoslowakei zurückzukehren?

Das ist mir nicht einmal eingefallen. In der Tschechoslowakei war zwar um den Prager Frühling 1968 herum eine Phase der Entspannung, aber dann schloss sich der Eiserne Vorhang wieder. Die Bolschewiken waren so grausam, dass zu meiner Primiz im Juli 1970 weder meine Mutter noch sonst jemand von den Verwandten kommen konnte. Obwohl sie es ihr ursprünglich versprochen hatten, lachten sie sie schließlich aus. Als ich damals im Jahr 1967 wegging, rechnete ich damit, dass ich nie mehr nach Böhmen zurückkehren werde.

Dann haben Sie kurz bei den tschechischen Landsleuten in London gewirkt. Warum sind Sie nicht länger dort geblieben?

Auf meine erste große priesterliche Wirkungsstätte freute ich mich sehr. Nach einer Weile war ich in London wie zu Hause. Meine Priorität war wirklich das priesterliche Wirken und nicht so viel die Unterstützung der gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten, auf die mein Mitbruder P. Lang SJ dieses Zentrum der Landsmannschaft Velehrad ausrichtete. Ich widmete mich ausschließlich der pastoralen Tätigkeit, hatte regelmäßige Sendungen in Radio BBC. Die verschiedenen Ansichten bezüglich der Pastoral gingen nicht ohne Konflikte ab. Zum Schluss löste es Gott selber. Ich wurde krank, und meine gesundheitlichen Schwierigkeiten gipfelten in einer akuten Wirbelsäulenoperation in Innsbruck. Die Ärzte, die mich vor der Lähmung retteten, verboten mir dann England wegen des feuchten Klimas ganz.

Wie erinnern Sie sich an die Jahre, die Sie bei den Kreuzschwestern in Tirol und Vorarlberg verbracht haben?

Zu den Kreuzschwestern kam ich während meiner Rekonvaleszenz in Innsbruck. Ich wurde in ihrem Sanatorium behandelt. Ihre Provinzoberin bat um mich, damit ich bei ihnen die Arbeit als Spiritual und Kirchenrektor im Provinzhaus in Hall übernehme. Damals begann ich Exerzitien zu geben und konnte mich überhaupt in meinem geistlichen Leben vertiefen. Dafür bin ich den Kreuzschwestern sehr dankbar. Ich fuhr durch ganz Tirol und Vorarlberg und widmete mich intensiv den Schwestern und den Novizinnen. Ich erlebte mit ihnen viel Schönes, aber auch Anspruchsvolles. Weil ich die Schwestern immer direkt zu Christus führte, passte meine Tätigkeit einigen im Laufe der Zeit nicht mehr. Deshalb betraute mich P. Provinzial nach acht Jahren mit einer anderen Tätigkeit.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASo kommen wir zur Frage, die mich und sicher auch unsere Leser sehr interessiert. Vor dreißig Jahren haben Sie am Fest des Gründers der Jesuiten, des hl. Ignatius, im österreichischen Klagenfurt eine neue Ordensgemeinschaft gegründet, die den Namen Gemeinschaft der Schwestern Jesu (SSJ) angenommen hat. Sie betonen aber oft, dass Sie sich dagegen lange gewehrt haben. Wie ist es also dazu gekommen?

Das war eine lange und spannende Geschichte. Einigen von denen, die mich aus Tirol kannten, entsprach meine geistliche Führung. Als ich nach Kärnten wegging, bemerkten sie, dass sie in dieser Richtung gerne fortsetzen würden. Sie suchten mich auf und baten mich, dass ich ihnen helfe, sich in eine der Ordensgemeinschaften einzureihen. Sie fanden aber nichts, was ihrer Sehnsucht entsprochen hätte. Dass Gott mich zur Gründung der SSJ auserwählt hat, bezeugt das, dass ich mich am Anfang lange gewehrt habe, etwas für die Frauen, die ihr „Magis“ suchten, zu gründen. Nicht dass ich Angst davor gehabt hätte, aber ich fühlte mich dafür nicht geeignet. Es ging mir nicht um irgendein menschliches Tun. Deshalb musste mich der Heilige Geist „überwältigen“, damit ich begriff, dass Gott dahinter steht und sich das wünscht.

Mehr Berufungen als in Österreich waren schließlich in Böhmen und in Mähren. Wie viele Mitglieder hat die Gemeinschaft jetzt und wo wirken sie?

Die Gemeinschaft hat sich nach ihrer Entstehung zehn Jahre in Österreich herauskristallisiert. In dieser Zeit bekam sie auch die erste kirchliche Approbation. Nach der Öffnung der Grenzen in der Tschechoslowakei (1989) begann sie sich auszubreiten. Besonders in den ersten Jahren erlebte sie eine große Blütezeit. Ihr Noviziat in Moravská Húzová war mit jungen Mädchen überfüllt. Im Laufe der Jahre nahm die Gemeinschaft zu an Erfahrung und Reife, und so wurde sie im Jahr 2002 durch die römische Anerkennung offiziell unter die Ordensgemeinschaften aufgenommen. Zur Zeit hat die Gemeinschaft 38 Schwestern, 9 in Österreich und 29 bei uns. Die Schwestern wirken in kleinen Kommunitäten in Wien, Klagenfurt, Olomouc, Kožušany bei Olomouc, Prag, Hradec Králové, Olešná u Nového Města, Ústí nad Orlicí und Český Těšín. Durch eine schlichte und einfache Lebensweise mitten unter den Menschen geben sie Zeugnis von Gott und seiner Liebe. Sie legen Wert auf eine tiefe Beziehung zu Gott und auch auf eine herzliche und feste Gemeinschaft untereinander. Ein auffallendes Merkmal der Schwestern ist, dass sie kein Ordenskleid tragen. Sie sind aber trotzdem durch ihre Kleidung leicht als Ordenspersonen zu erkennen. Sie führen keine eigenen Werke, sondern arbeiten in verschiedenen Berufen, z.B. in der Kirche, im Gesundheitswesen, Schulwesen. Das Apostolat der geistlichen Berufungen ist ihre Priorität.

Die neue Gemeinschaft hat sich die ignatianische Spiritualität zu eigen gemacht. Die Jesuiten haben und hatten nie einen weiblichen Zweig. Trotzdem hat diese Spiritualität auch eine ganze Reihe von Frauen inspiriert…

Die Gemeinschaft ist aus den Exerzitien heraus gewachsen. Die ersten Schwestern waren geprägt von meiner Sicht auf die ignatianische Spiritualität. Das ergriff sie so, dass sie die Sehnsucht hatten, aus diesen Fundamenten zu leben. Selbstverständlich mussten sie die Spiritualität des hl. Ignatius auf sich anpassen. Sie konnten sie doch nicht wie die Jesuiten leben. Damit ist auch begründet, warum die Gemeinschaft nicht von der Gesellschaft Jesu abhängig ist. Sie geht aus der ignatianischen Spiritualität hervor, aber hat ihr eigenes Charisma. Das Ideal des hl. Ignatius schlägt sich in den Konstitutionen der SSJ nieder. Es ist vor allem die Ausrichtung auf Christus, das beschauliche Leben in der Tätigkeit, die Indifferenz, das „Magis“ im Dienst Gottes, der Weg der Demut, die Sehnsucht, den anderen zu Gott zu helfen, die Liebe zur Kirche, die Verehrung der Jungfrau Maria. Die ignatianische Spiritualität ist aber nicht nur für die Schwestern selber ein Gewinn. Sie widmen sich doch auch anderen Menschen, auf der spirituellen Ebene überwiegend Frauen. Mit ihrer geistlichen Erfahrung können sie manchen die richtige Orientierung vermitteln.

Heute leben Sie wieder in der Tschechischen Republik im Haus in Olomouc, wo die Gemeinschaft ihr Zentrum hat…

Meine Tätigkeit als Jesuit hat sich im Laufe der Jahre ausschließlich auf die spirituelle Arbeit mit den Schwestern der SSJ ausgerichtet. Ich wurde von meinen Vorgesetzten dafür bestimmt. Schon früher hielt ich mich längere Zeit in Tschechien auf. Weil meine gesundheitlichen Schwierigkeiten zugenommen haben, bat ich meine Vorgesetzten, für immer in die tschechische Provinz zurückkehren zu können. Ich kann den Schwestern weiter als Priester dienen, aber eine größere Tätigkeit (Exerzitien geben, Reisen) schaffe ich nicht mehr. Meine Hauptsendung ist das Gebet. Ich denke darin an die tschechischen und die österreichischen Jesuiten, an die Schwestern und auch an andere Bedürfnisse der Kirche.

Die Fragen stellte Jan Regner SJ

P. Robert Kunert SJ wurde am 29. April 1933 in Dolní Čermná geboren. Er absolvierte das Gymnasium in Hradec Králové und in Lanškroun, arbeitete dann in den Jahren 1952-1967 als Arbeiter, später als technischer Mitarbeiter in der Ostböhmischen Papierfabrik in Lanškroun (außer in den Jahren 1953-1955, wo er bei PTP im Bergwerk in Kladno war). Ende 1957 trat er geheim in den Jesuitenorden ein. Die ersten Gelübde legte er am 19. Mai 1962 in Dobruška ab, und fünf Jahre danach ging er illegal nach Österreich. In den Jahren 1967-1972 studierte er Theologie an der Universität in Innsbruck, wo er im Jahr 1970 auch die Priesterweihe empfing. Zwei Jahre später wurde ihm die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. In den Jahren 1972-1973 wirkte er kurz bei den tschechischen Landsleuten in London, in den Jahren 1974-1980 war er Spiritual der Kreuzschwestern in Tirol und Vorarlberg. Im Jahr 1975 wurde er in die Österreichische Provinz SJ appliziert. Anfang 1978 legte er die letzten Gelübde in Innsbruck ab. In den Jahren 1980-1996 war er in der Kommunität der SJ in Klagenfurt und wirkte als Rektor der Jesuitenkirche. Am Fest des hl. Ignatius 1981 gründete er in Klagenfurt die Gemeinschaft der Schwestern Jesu und wurde Spiritual dieser neuen Ordensgemeinschaft. In den Jahren 1996-2009 war er Mitglied der Kommunität im Provinzialat der Jesuiten in Wien, seit Ende 2009 ist er wieder in der Tschechischen Republik und wohnt im Zentrum der SSJ in Olomouc.

(Übersetzt aus dem Bulletin Jezuité, 3/2011, Jahrgang XX, S. 14-18)